Missbrauch in Spanien: Der Staat entscheidet, die Kirche zahlt

In Spanien können sich Missbrauchsopfer künftig an den staatlichen Ombudsmann wenden. Die meisten der bis zu 3.000 Opfer hatten bisher der Kirche misstraut. Erst hatte die katholische Kirche in Spanien die Missbrauchsvorwürfe kleingeredet. Dann wollte sie die Opfer selbst entschädigen und den Staat dabei heraushalten. Jetzt haben die Bischöfe und Ordensoberen nachgegeben:

Betroffene können künftig ihren Antrag auf Entschädigung vom Büro des staatlichen Ombudsmanns prüfen lassen, wenn die Fälle verjährt oder die Täter nicht mehr am Leben sind. Er hat das letzte Wort. Das sieht das Abkommen vor, das die Regierung mit der Bischofs- und der Ordenskonferenz unterzeichnet hat. Justizminister Félix Bolaños, der für die Regierung verhandelt hatte, brachte das neue Verfahren auf den Punkt: „Der Staat entscheidet über die Entschädigung, die Kirche zahlt.“

Konkret ist geplant, dass sich Opfer an ein unabhängiges Gremium im Büro des Ombudsmanns wenden können, der dann Kontakt mit der Kirche aufnimmt und eine Entschädigung vorschlägt. Wird keine Einigung erzielt, muss die Kirche zahlen, was er vorschlägt. Bolaños sagte, die Regierung sei eingeschritten, um eine moralische Schuld zu begleichen und dabei zu helfen, die „Mauer aus Schweigen, Vertuschung und Unverständnis“ einzureißen, auf die die Opfer bisher gestoßen seien.

Das Abkommen ist nach Ansicht der Zeitung „La Vanguardia“ ein „Triumph der Regierung von Pedro Sánchez“. Noch vor wenigen Wochen hatte Erzbischof Luis Argüello die Linkskoalition attackiert und Neuwahlen gefordert. 2023 hatten die Bischöfe eine Zusammenarbeit mit dem Ombudsmann rundweg abgelehnt, nachdem dieser eine Studie veröffentlichte, wonach bis zu 440.000 Menschen in Spanien im kirchlichen Umfeld missbraucht worden sein könnten.

Die Zeitung „El País“ verfügt dank ihrer 2018 begonnenen Recherchen über die umfassendste Datenbank im Land, die momentan 1.571 mutmaßliche Täter und 2.948 Opfer nennt. Vertreter von Opferverbänden, die Regierungschef Sánchez empfing, lobten das Abkommen, bemängelten aber, dass weiter Unklarheit über die Höhe der Entschädigungen und die Kriterien dafür herrsche. Nach Angaben des Vorsitzenden der Bischofskonferenz wurden bisher rund zwei Millionen Euro gezahlt. Laut Presseberichten erhielten Opfer zwischen 3.000 und 100.000 Euro.



Verlag Dr. Otto Schmidt vom 20.01.2026 12:31
Quelle: faz.net v. 11.01.2026

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