Aktuell in der ZKM

"Hidden Agendas" im Mediationsprozess (Schroeter/Freitag, ZKM 2019, 44)

Der Beitrag beschreibt die haltungsbezogenen und methodischen Herausforderungen für Mediatoren im Umgang mit bewusst verdeckten Motiven von Mediationsparteien – sowohl in der Auftragsklärung wie im Mediationsverlauf. Die Autorinnen plädieren für eine akzeptierende Haltung gegenüber „hidden agendas“. Sie beschreiben anhand von mehreren Fallbeispielen den methodischen Dreischritt im Umgang mit „hidden agendas“: 1. Intuitionen über Verborgenes, 2. Spekulationen über Unausgesprochenes, 3. Separate Konfrontation mit der „Wahrheit der Situation“.

A. Bedeutung und Herausforderungen

I.  Die unterschiedlichen Gesichter einer „hidden agenda“

II. Grundgedanken zum Umgang mit „hidden agendas“

B. Umgang mit „hidden agendas“ in der Auftragsklärung

C. Umgang mit „hidden agendas“ im Mediationsverlauf

I.   Intuitionen über Verborgenes

II.  Spekulationen über Unausgesprochenes

III. Separate Gespräche: Die ergebnisoffene Konfrontation mit der „Wahrheit der Situation“

D.  Fazit
 

A. Bedeutung und Herausforderungen

Wer als Mediatorin sinnvolle Arbeit leisten möchte, muss sicherstellen, dass die grundlegenden Rahmenbedingungen hierfür gegeben sind. Das bedeutet aus unserer Sicht, dass der Fall für Mediation geeignet sein sollte und das Verfahrensdesign fallspezifisch angepasst ist. Zudem sollte das Unterstützen von Klärungen im mediativen Sinne möglich erscheinen: Ein gemeinsames Gespräch, in dem mindestens Klarheit und eine konsequente Orientierung an den Interessen aller Beteiligten gewährleistet sind. Dies setzt wiederum voraus, dass die Beteiligten ihre Interessen aktiv einbringen.

Wenn Konfliktparteien sich in einer Mediation nun in einem bewussten Willensakt dafür entscheiden, nicht alles offenzulegen, sprechen wir von einer „hidden agenda“. Dass Parteien nicht alles zur Sprache bringen möchten, was ihnen wichtig ist, erachten wir durchaus als Normalfall in Mediationen und insofern nicht zwingend als problematisch. „Hidden agendas“ können jedoch explizite Fallstricke für die Auftragsklärung oder den Fortgang einer Mediation – insbesondere beim Aushandeln einer Vereinbarung – darstellen, wenn trotz systematischer Interessenserhellung und (scheinbarer) Verständigung der Parteien kein Konsens gefunden wird und eine unverständliche Blockadesituation entsteht.

Im Unterschied zu diesen bewusst von den Parteien zurückgehaltenen Belangen gibt es selbstverständlich auch unbewusst nicht zugängliche – d.h. weniger aktiv versteckte als vielmehr auch den Parteien selbst verborgene – Interessen. Der feine Unterschied zwischen „versteckt“ und „verborgen“ ist für uns dabei mehr als Wortklauberei. Ein auch der Partei zunächst verborgenes Anliegen lässt sich im Sinne einer allseitig nützlichen Selbstklärung in der Regel ganz unbefangen gemeinsam erkunden. Eines der Standardmodelle in der Mediationsausbildung, das Eisbergmodell, lässt Mediatorinnen ja geradezu regelhaft damit rechnen, unter der Wasseroberfläche der Argumente und Positionen gemeinsam mit den Mediationsparteien klärungsförderliche „Entdeckungen“ über relevante Hintergründe zu machen. Nicht dass das immer unkompliziert oder von Erfolg gekrönt wäre, doch diese zunächst verborgenen Anliegen stellen in der Regel weder die grundsätzliche Sinnhaftigkeit einer Mediation noch die Gewährleistung der Prinzipien einer Mediation in Frage, wie es bewusst versteckte „hidden agendas“ bisweilen vermögen (die damit eben auch ein Risiko für das Scheitern einer Mediation darstellen).

Die deutsche Entsprechung einer „hidden agenda“ ist mit dem Begriff des „verdeckten Motivs“ vielleicht am besten gefasst: Im Hintergrund gibt es Interessen bei den Konfliktparteien, die bislang im Mediationsprozess noch nicht benannt wurden. Dies stellt uns vor die Herausforderung, uns nicht hintergangen oder getäuscht zu fühlen.

Wenn Mediatorinnen den Verdacht einer „hidden agenda“ haben, kann dies die Frage aufwerfen, ob die Mediation oder wir Mediatorinnen gezielt manipuliert werden. Diese Situationen sind insofern auch ein Prüfstein für die Sensibilität von Mediatorinnen für eventuelle Machtungleichgewichte im Klärungsgeschehen und ihren Umgang damit und erfordern sowohl einen angemessenen methodischen Umgang als auch eine stimmige haltungsbezogene Positionierung, die letztlich auch unsere Berufsethik berührt.

Das gezielte Achten auf mögliche versteckte (und klärungshinderliche oder gar klärungsverhindernde) Interessen kann dabei in einer gewissen Spannung zur grundsätzlich vertrauensvollen Haltung gegenüber Konfliktparteien stehen. Vermutlich finden sich viele Mediatorinnen in folgender Prämisse wieder: „Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich davon aus, dass die Parteien an einer konstruktiven Lösung interessiert sind und ihr Bestes dafür geben.“

Diese Herausforderung für die Haltung von Mediatorinnen lässt sich mit der Denkfigur des Werte- und Entwicklungsquadrats  wie folgt fassen: Das gewissermaßen anlasslose (Vorschuss-)Vertrauen von Mediatoren in Parteien braucht an seiner Seite die aufmerksame Bereitschaft, sich gegebenenfalls – durch die Wahrnehmung von Unstimmigkeiten – irritieren zu lassen. Anderenfalls droht – wenn ich rein auf das Vertrauen setze – eine blauäugige Naivität, mit der sich Mediatoren zugleich von der Verantwortung entlasten, die Wahrung wesentlicher Rahmenbedingungen und Prinzipien der Mediation kontinuierlich sicherzustellen. Oder es droht – wenn ich vor allem auf mögliche „Fehler im Bild“ achte – eine misstrauische Skepsis mit dem Risiko, die „Flöhe husten zu hören“, Beteiligte damit zu brüskieren und in der Folge eine gute und offene Arbeitsbeziehung mit den Parteien zu gefährden. (...)
 

Verlag Dr. Otto Schmidt vom 17.04.2019 11:39
Quelle: Verlag Dr. Otto Schmidt

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