Aktuell in der ZKM

Gruppenkonflikte: Fallstricke und Gegenmaßnahmen (Müller/Loschelder/Höhne/Husen, ZKM 2ß19, 8)

Bereits seit den 1960er Jahren widmet sich die Psychologie der Erforschung von Verhandlungen und Konflikten. Einige der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Verhandlungsforschung lassen sich auf Konflikte zwischen Individuen und auch auf  Konflikte zwischen Repräsentanten spezifischer Gruppen übertragen. Unter einer psychologischen Perspektive können damit Fallstricke in Konflikten identifiziert werden, die durch (1) soziale Identitäten von Disputanten, (2) motivationale Faktoren oder (3) die Fokussierung auf Verluste entstehen können. Die Analyse eines Konfliktes unter diesen Gesichtspunkten ermöglicht eine gezielte Unterstützung der Lösung des Konfliktes. Mögliche Methoden sind das Hinzuziehen einer Drittpartei bzw. eines Mediators, die gezielte Fokussierung auf Gewinne statt auf Verluste, oder die Betonung einer gemeinsamen Gruppenzugehörigkeit.

A. Fallstricke in Konflikten

I. Soziale Identitäten & Gruppenprozesse

II. Soziale Motivation

III. Framing

1. Prozess-Framing

2. Ergebnis-Framing

B. Gegenmittel und Interventionsmaßnahmen

I. Neutrale Drittparteien

1. Mediation-Arbitration

2. Arbitration-Mediation

II. Reframing

III. Common Ingroup Identity Modell

C. Schlussfolgerung und Ausblick

M.Sc. Eve Sarah Müller

Prof. Dr. David D. Loschelder

Dr. Benjamin Höhne

Dr. Onno Husen

 

A. Fallstricke in Konflikten

September 2010. Der politische Streit um die Erneuerung des Stuttgarter Hauptbahnhofes erreicht seinen Höhepunkt. Tausende Demonstranten treffen auf Polizeibeamte, die Wasserkanonen, Pfeffersprays und Schlagstöcke einsetzen, um die Demonstrationen um Stuttgart 21 zu zerschlagen. Kurz darauf sitzen der Projektverantwortliche, Rüdiger Grube, und weitere Vertreter der Deutschen Bahn am Verhandlungstisch. Ihnen gegenüber sitzen Vertreter von BUND und der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte keine Einigung zwischen den beiden Parteien erreicht werden. An diesem Beispiel des Konfliktes um das Projekt Stuttgart 21 lassen sich zentrale psychologische Fallstricke für Konflikte sowie mögliche Interventionsformen veranschaulichen. Konkret erläutern wir den Einfluss von sozialen Identitäten und Gruppenprozessen, der sozialen Motivation von Personen, sowie verschiedenen Formen des „Framings“, die jüngst in einer Aufsatzreihe in dieser Zeitschrift thematisiert wurden.

I. Soziale Identitäten & Gruppenprozesse

Im Allgemeinen lassen sich Interaktionen zwischen Personen in zwei Extreme einordnen: Auf der einen Seite können Interaktionen durch die individuelle Beziehung der Personen untereinander und ihre einzigartigen, persönlichen Charakteristiken, auf der anderen Seite durch die kollektive Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Gruppen bestimmt sein. Für Konflikte ist es von zentraler Bedeutung, ob sich Personen auf Basis ihrer persönlichen Identität („Ich gegen Dich“) oder auf Basis ihrer sozialen Identität („Wir gegen Euch“) identifizieren.

Die Verhandlungsforschung beschäftigt sich neben interpersonellen Auseinandersetzungen, beispielsweise zwischen Verkäufer und Käufer, auch mit Intergruppen-Prozessen, beispielsweise innerhalb von Verhandlungsteams  oder zwischen Repräsentanten von Gruppen. Verhandlungen zwischen mehreren Disputanten in Verhandlungsteams sind zwar durch hohe kompetitive Wahrnehmungen und Erwartungen gekennzeichnet, dennoch zeigt sich, dass sich mit drei oder mehr Mitgliedern häufig erfolgreicher kreative Win-Win-Lösungen entwickeln lassen. Studien zu Verhandlungen zwischen Repräsentanten zeigen ein etwas anderes Bild, das sich auch auf das Beispiel von Stuttgart 21 anwenden lässt: Treten sich Repräsentanten spezifischer Gruppen gegenüber, so verhalten sie sich tendenziell sehr kompetitiv, was in der Regel zu einer Konflikteskalation beiträgt.

Die psychologische Theorie der sozialen Identität  geht davon aus, dass die soziale Identität einer Person durch die Kategorisierung von ingroups (Gruppen, zu denen jemand gehört; „Wir“) und outgroups (Gruppen, zu denen jemand nicht gehört; „die Anderen“) festgelegt wird. Tritt eine Person nun beispielsweise als Repräsentant der Stuttgart-21-Gegner in die Auseinandersetzung, so nimmt sie eine spezifische Abgrenzungsrolle ein, um auf diese Gruppenzugehörigkeiten Stuttgart-21-Gegner vs. Stuttgart-21-Befürworter zu reagieren. Repräsentanten verfallen dabei häufig dem Glauben, dass die Mitglieder der eigenen Gruppe ein besonders energisches und kompromissloses Verhalten von ihnen erwarten. Das führt wiederum dazu, dass Repräsentanten ein stärker ausgeprägtes Konkurrenzdenken übernehmen  und eine hohe Wahrscheinlichkeit herrscht, in Verhandlungen zwischen Repräsentanten zu schlechteren Ergebnissen zu kommen  oder gar keine Einigung zu erzielen (sog. „Impasse“).

II. Soziale Motivation

Unabhängig davon, ob die persönliche oder die soziale Identität im Zentrum einer Verhandlung steht, Disputanten stehen auch vor einem motivationalen Dilemma. Die eigenen Interessen wollen vertreten und das bestmögliche Ergebnis erzielt werden; gleichzeitig müssen dem Gegenüber Zugeständnisse gemacht werden, um überhaupt zu einer Einigung zu kommen. Im Rahmen dieser gemischten Motive untersucht die Verhandlungsforschung auch die Einflüsse von Persönlichkeitsmerkmalen der konfligierenden Parteien, insbesondere unterschiedliche Formen der sozialen Motivation. Soziale Motivation wird als das Ausmaß definiert, indem Parteien primär das eigene Interesse (pro-selbst) oder sowohl das eigene und das Interesse des Gegenübers (pro-sozial) zu maximieren versuchen. Diese soziale Motivation äußert sich in Auseinandersetzungen beispielsweise darin, dass Personen, die sich vermehrt um die eigenen Interessen sorgen, ehrgeiziger und weniger zu Zugeständnissen bereit sind und eher zu Drohungen oder anderen Taktiken des Wettstreitens neigen; demgegenüber neigen pro-soziale Konfliktparteien eher dazu, kreativ nach Konfliktlösungen zu suchen, vertrauensvoll Informationen zu teilen und den sprichwörtlichen Verhandlungskuchen zu vergrößern. Aus diesen psychologischen Persönlichkeitsunterschieden empfiehlt sich eine genaue Analyse der Gegenpartei – je nach sozialer Motivation sollten bewusste Gegenmaßnahmen getroffen werden, um eine gütliche Einigung zu ermöglichen (bei gleichzeitiger Wahrung der Eigeninteressen).

III. Framing

Auch wenn ein und derselbe Lösungsvorschlag von objektiv gleichem Wert sein mag, so wird ein vermeintlicher Verlust psychologisch stets als schmerzhafter empfunden als ein nicht erzielter Gewinn. Die Darstellung identischer Vorschläge als subjektive Verluste vs. Gewinne wird als „Framing“ bezeichnet. Wie sich Disputanten in Verhandlungen verhalten und zu welchem Ausgang eine Verhandlung kommt, wird maßgeblich durch das Framing und die damit einhergehende Fokussierung auf subjektive Gewinne oder Verluste beeinflusst. Die Forschung unterscheidet hier das klassische „Ergebnis-Framing“ von der noch jüngeren Form des „Prozess-Framings“.

1. Prozess-Framing

Das Prozess-Framing einer Verhandlung entsteht auf Grundlage dessen, wie die soziale Interaktion zwischen den Disputanten – der Prozess – ausgestaltet ist. So kann ein Disputant in Verhandlungen entweder betonen, welche Angebote er dem Gegenüber machen kann oder aber welche Forderungen er an sein Gegenüber stellt. Etwa kann Rüdiger Grube, Projektverantwortlicher von Stuttgart 21, eine zeitnahe Fertigstellung des Projektes für einen Betrag von X anbieten oder er kann einen Betrag von X für dieselben Leistungen einfordern. Beide Vorschläge sind objektiv identisch, aber psychologisch sehr verschieden. Die genaue Semantik, ob beispielsweise von „fordern“, „wollen“, „brauchen“, „nehmen“, oder Ähnlichem gesprochen wird, ist hier weit weniger zentral als die Tatsache, dass Forderungen die Ressourcen der Gegenpartei mehr in den Mittelpunkt der Diskussion rücken. Folglich empfindet die Partei, an die eine Forderung gestellt wird, eine stärkere Abneigung, Verluste zu machen. Fokussieren sich beide Parteien verstärkt auf die Ressource der Gegenpartei – etwa weil beide Parteien Forderungen stellen –, so wird häufiger keine Einigung erzielt und Verhandlungen kommen zum Stillstand. Das Prozess-Framing lässt sich zudem mit der sozialen Motivation in Verbindung bringen. So formulieren pro-selbst motivierte Disputanten Vorschläge deutlich häufiger als Forderungen anstatt als gleichwertige Angebote. Zudem fassen sie Forderungen negativer auf und nehmen psychologisch einen stärkeren Verlust wahr als bei gleichwertigen Angeboten. Auch Gruppenrepräsentanten (s. unter Ziff. B.III.) neigen stärker dazu, Forderungen zu stellen und die Forderung der Gegenpartei stärker abzuwerten.

2. Ergebnis-Framing

Die bekannteste Form des Framings ist das Ergebnis-Framing. Im Gegensatz zum Prozess-Framing kommt das Ergebnis-Framing nicht durch die Ausgestaltung der sozialen Interaktion zwischen den Disputanten zustande, sondern Disputanten vergleichen ihre Entscheidungsalternativen mit einer bestimmten Bezugsgröße, die als Referenzpunkt gilt. Wird eine Entscheidungsalternative besser eingeschätzt als mein Referenzpunkt, so wird die Alternative als subjektiver Gewinn wahrgenommen. Andersherum gilt, wenn die Entscheidungsalternative schlechter als der Referenzpunkt eingeschätzt wird, wird die Alternative als subjektiver Verlust wahrgenommen. Ein typisches und vertrautes Beispiel: ein Glas kann als halb voll oder halb leer betrachtet werden (der Inhalt bleibt derselbe). Ist der Referenzpunkt für Rüdiger Grube ein Abbruch des Projektes Stuttgart 21, so ist jede kleinere Einigung mit den Verhandlungspartnern ein Gewinn – das Glas ist halb voll. Ist der Referenzpunkt hingegen die Durchsetzung all seiner Vorschläge, so ist jedes Zugeständnis seinerseits ein Verlust – das Glas ist halb leer. Werden Entscheidungsalternativen einer Verhandlung als Verlust und nicht als Gewinn aufgefasst, so kann dies starke Einflüsse auf das Verhalten der Disputanten haben. Studien zeigen, dass sich Disputanten in derartigen Verhandlungen eigennütziger verhalten und weniger Zugeständnisse machen. Das führt vermehrt dazu, dass weniger kooperative und dagegen mehr kompetitive Strategien verwendet werden  und Verhandlungen und Konflikte womöglich nicht erfolgreich zu Ende gebracht werden.

B. Gegenmittel und Interventionsmaßnahmen

November 2011. Um eine weitere kostspielige Verzögerung des Projektes Stuttgart 21 zu verhindern, wird Heiner Geißler hinzugezogen. In seiner Rolle als Mediator soll er die beiden Parteien in mehreren Verhandlungssitzungen zu einer freiwilligen Einigung bewegen. Letztlich setzt ein politisches Referendum den Verhandlungen und dem Konflikt (vorerst) ein Ende – die Mehrheit der Baden-Württembergischen Wähler spricht sich für die Weiterführung des Projektes Stuttgart 21 aus. Das Hinzuziehen Geißlers ist ein klassisches Beispiel für eine häufig gewählte Gegenmaßnahme bei Konflikten: eine Intervention durch Dritte. (...)
 

Verlag Dr. Otto Schmidt vom 07.03.2019 11:48
Quelle: Verlag Dr. Otto Schmidt

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