Aktuell in der ZKM

Wirtschaftsmediation im Gesundheitswesen - Grundlagen Entwicklungen Methoden (Ewing, ZKM 2018, 160)

Darf es was anderes sein als Arzthaftungsfälle oder Warten auf einen Konflikt, um Mediation anbieten zu können? Der Gesundheitssektor bietet viel mehr Anwendungsfelder, um mediativ arbeiten zu können. Es geht um Wirtschaftsmediation, weil erhebliche Werte auf dem Spiel stehen. Der Beitrag zeigt in der Literatur vernachlässigte, praktische Anwendungsfelder in der Medizin auf, insbesondere in Gesellschaften von Heilberuflern und in Krankenhäusern und ähnlichen Einrichtungen, und weist auf zu beachtende branchen- und systemspezifische Faktoren hin. An einem typischen Fall aus der Praxis des Autors wird dies veranschaulicht. Aus der praktischen Arbeit mit Ärztegesellschaften und Heilberuflern hat der Autor das Konzept einer präventiven Gestaltung von Gesellschaftsverträgen mit mediativen Mitteln erarbeitet, das er unter dem Begriff "Gestaltungsmediation" erläutert. In diesem Bereich bedarf es keines konkreten Konflikts, man muss die erkennbaren Konfliktfelder offensiv bearbeiten.

I.    Abgrenzung

II.   Anwendungsfelder

1.     Ärztegesellschaften und Medizinische Versorgungszentren

2.     Stationäre Patientenversorgung

III. Besonderheiten

1.     Persönliche Faktoren

2.     Systemimmanente Faktoren

IV. Institutionalisiertes Konfliktmanagement?

V.   Fallbeispiel

1.     Ausgangssituation/Anbahnung

2.     Die Mediation

3.     Bewertung des Falles

VI. Gestaltungsmediation


I.     Abgrenzung

Durchforstet man die Publikationen zum Stichwort „Mediation im Gesundheitswesen“, so stößt man vorwiegend auf Beiträge zur Mediation im Arzt-Patienten-Verhältnis, also in Arzthaftungsfällen. Nur zu diesem Bereich liegen auch wissenschaftliche Untersuchungen vor, wobei das Ergebnis mehr als ernüchternd ist. Es scheint, dass sich die Mediation im Bereich der Konflikte um Behandlungsfehler nicht durchsetzen kann. Das dürfte – entgegen anderer Meinung – nicht nur daran liegen, dass es den Beteiligten ausschließlich um eine Schadenskompensation geht, die medizinische Sachverständigengutachten voraussetzt, sondern daran, dass die geeigneten Fälle, in denen zwischen Arzt und Patient noch eine Konfliktlösung angezeigt ist, nicht herausgefiltert werden. Soweit Autoren sich darüber hinaus mit Mediation im Gesundheitswesen beschäftigen, gewinnt man den Eindruck, dass die Anwendungsfelder zwar gesehen werden, die Autoren selbst aber (noch) nicht über nennenswerte praktische Erfahrungen verfügen.

In welchen Bereichen des Gesundheitswesens sich Mediation anbietet hat der Autor in dem Beitrag „Mediation im Gesundheitswesen“ im Handbuch Mediation, München 2016, ausführlich dargelegt.

II.    Anwendungsfelder
1.      Ärztegesellschaften und Medizinische Versorgungszentren

Ärztegesellschaften sind Zusammenschlüsse von niedergelassenen Ärzten, Psychotherapeuten und anderen Heilberufen zur gemeinsamen Berufsausübung und ambulanten Versorgung von Patienten. Insbesondere handelt es sich um Berufsausübungsgemeinschaften (klassische Gemeinschaftspraxis), Organisationsgemeinschaften (z.B. Apparate- und Praxisgemeinschaften) oder sonstige Kooperationsgemeinschaften i.S.d. § 18 Muster-Berufsordnung Ärzte. In den Ärztegesellschaften sind nicht nur Freiberufler tätig, sondern auch in zunehmendem Maße angestellte Ärzte. Dasselbe gilt für Medizinische Versorgungszentren, die sowohl von niedergelassenen Vertragsärzten als auch von Krankenhäusern gegründet werden können. Ärztegesellschaften und Medizinische Versorgungszentren sind ausschließlich im Bereich der ambulanten Versorgung tätig. Mediationsrelevante Konflikte ergeben sich in diesen Berufsausübungsformen vor allen Dingen unter den Gesellschaftern oder bei Gesellschafterwechseln.

2.      Stationäre Patientenversorgung
Der Bereich der stationären Versorgung von Patienten, insbesondere Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, stellt ein anderes Feld der Mediation dar. Es handelt sich hierbei um innerbetriebliche Mediation. Die innere Struktur der Krankenhäuser ist geprägt von der Trias „Ärzte – Verwaltung/Kaufmännische Leitung – Pflegepersonal“. Vertreter dieser drei Säulen sind im Vorstand der Krankenhäuser vertreten, wobei über Jahrzehnte den ärztlichen Vertretern (Klinikdirektoren) der größte Einfluss zugekommen ist. Dies spiegelte die klassische Hierarchie im Krankenhaus wieder und fand sich in der „Hackordnung“ Chefarzt – Oberarzt – Assistent – OP-Pfleger/Schwestern. Die traditionellen Hierarchien befinden sich jedoch in einem Auflösungsprozess. Aufgrund des erheblichen wirtschaftlichen Drucks, unter dem die Krankenhäuser inzwischen stehen, hat der Einfluss der kaufmännischen Geschäftsführung erheblich zugenommen. Daneben ist das Selbstbewusstsein des Pflegepersonals über akademische Zusatzausbildungen und den Notstand an Pflegekräften deutlich gewachsen. Im medizinischen Bereich verliert die Orientierung der Abteilungen am jeweiligen Fachgebiet zunehmend an Bedeutung. Ärzte aus diagnostischen und nicht-operativen Fachgebieten, wie der Radiologie und Inneren Medizin, werden interventionell tätig; Fachärzte operieren in angrenzenden Fachgebieten (z.B. HNO-Ärzte oder Orthopäden in Bereichen, die die Neurochirurgen für sich reklamieren), was seitens der Kollegen als Grenzüberschreitung empfunden wird.

Medizinische Krankheitsbilder werden ganzheitlicher betrachtet und es setzt die Erkenntnis durch, dass bestimmte Erkrankungen nur im Zusammenwirken verschiedener Fachbereiche unter Einschluss qualifizierten Pflegepersonals erfolgreich versorgt werden können. Dies führt weg von einzelnen Abteilungen hin zu teamorientierten Strukturen und damit zur Bildung von (Querschnitts-)Zentren, die die Fachklinik ablösen. Beispielhaft ist dies im Bereich der onkologischen Zentren anzutreffen, in denen inzwischen Internisten, Chirurgen, Psychotherapeuten und Palliativmediziner zusammenarbeiten, teilweise sogar als ein Zentrum großer konkurrierender Universitätskliniken. Die Entwicklung hin zu diesen kooperativ arbeitenden Zentren wird zwar aus medizinischer Sicht und im Interesse des Patienten als notwendig angesehen. Institutionalisierte Teamentwicklungen und Konfliktmanagement-Strukturen sind, wenn überhaupt, nur selten und ...

 

Verlag Dr. Otto Schmidt vom 24.10.2018 09:27
Quelle: Verlag Dr. Otto Schmidt

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