Aktuell in der ZKM

Framing in der Mediation (Winheller, ZKM 2018, 116)

Gehirnforschung und Verhaltensökonomie haben eine Vielzahl von Effekten unbewusster Beeinflussung von Entscheidungen nachgewiesen, die selbstverständlich auch in der Mediation wirksam aber den meisten Mediatoren weitgehend unbekannt sind. In einer dreiteiligen Artikelserie werden die wichtigsten dieser „Framing“-Effekte zunächst beschrieben, anschließend die durch diese Effekte verursachten Herausforderungen für Mediatoren dargestellt und schließlich praktische Empfehlungen für das professionelle Handeln als Mediator gegeben.

A. Framing-Effekte: Eine neue Perspektive für die Mediation

B. Framing-Effekte in Entscheidungsprozessen

I. Framing - Begriffsklärung

II. Framing im engeren Sinne (Framing i.e.S.)

1. Die Neue Erwartungsnutzentheorie (Prospect Theory)

2. Gewinn und Verlust

3. Referenzpunkte

4. Transaktionsnutzen

5. Politische Frames


A. Framing-Effekte: Eine neue Perspektive für die Mediation

In einer Mediation müssen alle Beteiligten, sowohl Mediator(en) als auch die Parteien, eine Vielzahl von Entscheidungen sowohl auf der Prozess- als auch auf der Inhaltsebene treffen. Es ist daher folgerichtig, dass sich in praktisch allen Mediationslehrbüchern vielfältige Hinweise darüber finden, wie die Entscheidungen der Parteien insbesondere durch konfliktpsychologische Dynamiken beeinflusst werden und was ein Mediator konkret tun kann, um konstruktive Entscheidungen im Rahmen der Mediation zu befördern.

Eine besondere Betrachtung von Entscheidungsdynamiken bietet die im Wesentlichen von Daniel Kahnemann und Amos Tversky begründete Forschung zu Framing-Effekten bei Entscheidungen, d.h. zum Einfluss des psychologischen Rahmens auf die Entscheidungsfindung. Der klassischen Entscheidungsforschung lag ein Menschenbild des sog. „homo oeconomicus“ zugrunde. Demnach treffe ein Mensch seine Entscheidungen im Wesentlichen durch Analyse der Substanz der Entscheidungsoptionen in einer solchen Weise, dass er rational seinen Nutzen auf Basis seines Präferenzsystems maximiert. Abweichungen von diesem Modell wurden als „irrationales Verhalten“ bezeichnet – als Verhaltensfehler.

Kahnemann und Tversky haben gezeigt, dass Entscheidungen immer ganz wesentlich durch die psychologische „Verpackung“ beeinflusst werden und dass diese Effekte auch für kundige Menschen nicht vollständig neutralisiert werden können. Es erscheint daher geboten, zu untersuchen, wie sich diese Framing-Effekte im Mediationsverfahren auswirken, und dabei insbesondere zu diskutieren, wie sich ein Mediator in Kenntnis dieser Wirkprinzipien in der Mediationspraxis konkret verhalten kann. Wenn der psychologische Rahmen die Entscheidungen der Beteiligten so wesentlich zu beeinflussen in der Lage ist, dann sollte ein professioneller Mediator diesen Rahmen sehr sorgsam gestalten, wenn er den Zielen seines Mediationsprogramms bzw. dem Anspruch von „Neutralität“ oder „Allparteilichkeit“ gerecht werden will.

Dabei sind Framing-Effekte in der deutschen Mediationsliteratur bereits durchaus vereinzelt diskutiert worden, im Rahmen dieser Aufsatzserie sollen jedoch die wichtigsten Framing-Effekte auf Grundlage des aktuellen Forschungsstandes zusammengeführt und die Auswirkungen auf das professionelle Handeln eines Mediators analysiert werden.

Diese Untersuchung beschränkt sich auf Framing-Effekte bei Entscheidungen, auch wenn Effekte des Framings darüber hinaus in einer Vielzahl von Situationen in einer Mediation wirken. So kann ein Mediator beispielsweise in der Phase der Konflikterhellung durch Reframing die Aufmerksamkeit einer Partei auf zusätzliche – bislang ausgeblendete – Perspektiven richten, die Verständnis und Akzeptanz fördern. Zudem wirkt der gesamte Prozess der Mediation als „Meta-Frame“ und beeinflusst je nach Ausrichtung das Erleben der Interaktionen der Beteiligten.

Eine Betrachtung sämtlicher Aspekte des Framings in der Mediation würde aber den Rahmen dieser Aufsatzserie sprengen. Insofern erfolgt eine Konzentration auf das Framing von Entscheidungssituationen.
 

Verlag Dr. Otto Schmidt vom 04.09.2018 16:16
Quelle: Verlag Dr. Otto Schmidt

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