ZKM 2017, 208 (Heft 06)

5 Jahre MediationsG: Die Mediation – des Anwalts ungeliebte Braut?

von Michael Plassmann

Auch fünf Jahre nach Inkrafttreten des MediationsG hadert die Mediationsszene mit der zurückhaltenden Inanspruchnahme durch die Anwaltschaft. Die Anwälte ihrerseits setzen hingegen in der deutlich überwiegenden Zahl ihrer Mandate weiterhin und in erster Line auf ihr eigenes Verhandlungsgeschick oder den Entscheider. Da stellt sich die Frage: Was fehlt eigentlich der Braut – oder vielleicht dem Bräutigam? Ein Erklärungsversuch aus Sicht und der Erfahrung eines Anwalts und Mediators.

A. Erwartungen und Status Quo

Erinnern wir uns kurz: Als am 26. Juli 2012 das MediationsG in Kraft trat, erhielten der Mediator und das Verfahren einen äußerst – und zugleich angenehm – schlanken gesetzgeberischen Rahmen. Trotz des Umsetzungsauftrages und des anspruchsvollen Zieles der EU-Richtlinie1war das liberale Grundverständnis, das die Gesetzesberatungen prägte und sich in den verabschiedeten Normen widerspiegelt, nicht zuletzt von der Idee getragen, die sich in Deutschland entwickelnde Mediation nicht mit einer Zwangsjacke, sondern eher einem Airbag zu versehen. Wohl wissend, dass Mediation bereits vor Inkrafttreten – und damit auch ohne gesetzgeberischen Rahmen – von zahlreichen Mediatoren der unterschiedlichen Quellberufe erfolgreich in Deutschland praktiziert wurde, verstanden viele die Verabschiedung des MediationsG gleichwohl als Meilenstein zur Etablierung der Mediation.2Ein Meilenstein in Form eines Testats für ein autonomes Verfahren, das fortan im „echten“ Wettbewerb mit anderen bereits geregelten und etablierten Verfahren zur Konfliktbeilegung zu stehen vermochte.

Der Realitätscheck fällt indes 5 Jahre später wenig euphorisch aus: Der damals noch am Horizont skizzierte „Umbruch im deutschen Recht“3spiegelt sich nicht etwa in einem signifikanten Wechsel oder einer Variabilität in der Verfahrenswahl wider. Stattdessen attestiert der von der Fachholschule Speyer für die Bundesregierung erstellte Evaluationsbericht, dass die „Zahl der durchgeführten Mediationen auf einem gleichbleibend niedrigen Niveau“ stagniert.4

Wenn man der Frage, warum die Mediation trotz ihrer immer wieder skizzierten strukturellen Verfahrensvorteile nicht wirklich an Fahrt aufnimmt, auf den Grund geht, kommt man nicht umhin, den zentralen potentiellen Weichensteller, die Anwaltschaft, detaillierter zu beleuchten: Warum fremdelt die Anwaltschaft auch 5 Jahre nach Erlass des MediationsG weiterhin mit der Mediation?

B. Anwaltschaft und Mediation

Eines vorab: Genauso wenig, wie es Mediatoren schätzen, wenn von „den“ Mediatoren gesprochen wird, gibt es nicht „die“ Anwaltschaft. Der nachfolgende Erklärungsansatz basiert daher auf der Prämisse, dass es zahlreiche anwaltliche Kollegen gibt, die nicht nur die Vielzahl der ADR-Instrumente detailliert kennen, sondern sie bei geeigneten Konflikten im besten anwaltlichen Mandatsverständnis auch passgenau empfehlen. Gleichwohl nehmen Dritte – insbesondere die Nachfrageseite wie Unternehmer und Verbraucher – wahr, dass ADR-Verfahren wie die Mediation von einer Vielzahl von Kollegen eher zurückhaltend empfohlen werden. Insofern lohnt es, einmal genauer zu fragen, was nicht nur der Braut – der Mediation -, sondern auch dem Bräutigam – dem weichenstellenden Anwalt – zu fehlen scheint, um die gegenseitigen Reize zu entdecken.

Wenn man der Frage nachgeht, warum die Anwaltschaft so selten – oder oft erst zu spät und dann in reduzierter Fassung in einem Güterichterverfahren – mit ihren Konfliktparteien in der Mediation landen, sollte sich gerade auch die Anbieterseite vergegenwärtigen, dass auf diesem Weg vor allem drei Hürden beim Anwalt zu umschiffen, mithin auch drei Weichen zu stellen sind:

·  Die Haltung des Anwalts zum Verfahren

·  Das Vertrauen des Anwalts in den potentiellen Mediator

·  Die Bereitschaft des Mandanten zur Mediation

Verlag Dr. Otto Schmidt vom 18.12.2017 15:51

Verlag Dr. Otto Schmidt vom 18.12.2017 15:55

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