Wechselmodell für alle? (Hildegund Sünderhauf, ZKM 4/17, 129 ff.)

Die Bedeutung der BGH-Rechtsprechung zur gerichtlichen Anordnungsmöglichkeit einer Wechselmodellbetreuung in der Praxis der Mediation

Die Autorin unterscheidet zwischen Alleinerziehenden und Getrennterziehenden, stellt die üblichen Betreuungsalternativen für getrennt erziehende Eltern dar und definiert das Wechselmodell. Die Entwicklung der Rechtsprechung zur Anordnung einer paritätischen Betreuung wird skizziert und die Bedeutung der BGH-Entscheidung vom Februar 2017 erläutert. In einem Ausblick wird die wachsende Bedeutung des Wechselmodells und der Mediation in kindschaftsrechtlichen Verfahren prognostiziert.

A. Kinderbetreuung nach Trennung und Scheidung

Im Wechselmodell gibt es keine Alleinerziehenden mehr.

I. Alleinerziehend – Getrennterziehend

Alleinerziehende sind Eltern, die ein Kind alleine betreuen und erziehen, weil der andere Elternteil unbekannt oder verstorben ist oder aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen dem Kind oder dem erziehenden Elternteil dauerhaft fernbleibt. Diese Eltern haben häufig Geldsorgen und Zeitmangel. Sie benötigen wirtschaftliche Unterstützung, denn Alleinerziehend zu sein ist ein Armutsrisiko im reichen Deutschland, und sie benötigen Betreuungsentlastung, denn Alleinerziehende sind häufig überlastet und krank.

Getrennterziehende sind Eltern, die als Paar nicht zusammenleben, aber jeweils beide Betreuungszeitanteile und damit Erziehungszeiten haben:

Im „klassischen“ Residenzmodell sind dies bei 14-tägigen Besuchskontakten am Wochenende und einigen Wochen gemeinsamer Ferienzeit ca. 20–25 % der Tage im Jahr, beim sog. erweiterten Umgang kommt der weniger betreuende Elternteil bei verlängerten Wochenendkontakten, zusätzlichen Betreuungsstunden oder -tagen unter der Woche und hälftiger Ferienbetreuung auf ca. 30 % oder sogar darüber. Wenn das Kind mit beiden Eltern Alltag und Freizeit verbringt, kann hier schon von einem asymmetrischen Wechselmodell gesprochen werden, im paritätischen Wechselmodell (Österreich: Doppelresidenz, Schweiz: alternierende Obhut) ist die Betreuung ungefähr 50:50 % zwischen Mutter und Vater aufgeteilt und im Nestmodell, einer Sonderform des Wechselmodells, bleiben Kinder in der ehemaligen Familienwohnung und werden dort abwechselnd von Mutter und Vater betreut.

Verlag Dr. Otto Schmidt vom 05.09.2017 08:32

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