Konfliktlösungen in der Arbeitswelt- Rückblick Mediations-Kongress 2016

Im Gesamtspektrum der Konfliktlösungsmethoden werden alternative Verfahren – insbesondere konsensuale – Streitbeilegungsmethoden immer noch überproportional zurückhaltend eingesetzt. Dies gilt ganz besonders im Kontext Arbeitswelt.

Obwohl Konflikte zum Unternehmensalltag dazugehören, fehlt es bei den Verantwortlichen vielfach an der notwendigen Vertrautheit im Umgang mit dem breiten Spektrum der Streitbeilegungsmethoden speziell in der Arbeitswelt. Anlass die Zusammenhänge näher zu beleuchten.

Ende Mai fand in Frankfurt/M. der 17. Mediations-Kongress der Centrale für Mediation statt. Unter der fachlichen Leitung von Holger Dahl, Roland Lukas Konfliktlösungen, und Dr. Holger Thomas, WilmerHale, beleuchtete ein 12köpfiges Referententeam aus erfahrenen Praktikern und Spezialisten die sehr unterschiedlichen Blickwinkel auf Konflikte in der Arbeitswelt.

In seinem Einstiegsreferat “Zukunft der betrieblichen Zusammenarbeit“ hob Roland Lukas, einer der erfahrensten Einigungsstellenvorsitzenden in Deutschland, die stetig wachsende Bedeutung von Daten- und Gesundheitsschutz hervor, die heute vielfach im Zentrum betrieblicher Konflikte stehen. Der technische Fortschritt, die nachhaltige Digitalisierung von Arbeitsprozessen und das Bekanntwerden von Überwachungsskandalen begründeten Ängste bei den Beschäftigten. Betriebsräte trügen dem durch Ausübung und Ausweitung von Mitbestimmungsrechten Rechnung. Die abschließende Quintessenz des Referenten war: Mediation ist bei arbeitsrechtlichen Konflikten jeglicher Art – auch und insbesondere bei mitbestimmungsrechtlichen Auseinandersetzungen mit Bezug zum Daten- und zum Gesundheitsschutz - ein wirksames Mittel zur Konfliktlösung.

Der nächste Themenblock war den unterschiedlichen Lösungsstrategien aus Arbeitsgeber- und Betriebsratssicht gewidmet. Die Impulsreferate von Dr. Jochen Wallisch, langjähriger Leiter Konzerntarifpolitik der Lufthansa AG sowie CEO Eurowings GmbH, einerseits und Jörg Welp, stellvertretender Gesamtbetriebsratsvorsitzender der KPMG, andererseits gaben einen kurzweiligen und interessanten Einblick in die Verhandlungspraxis von Betriebsparteien hinter den Kulissen. Danach gilt für beide Seiten: Eine sorgfältige Vorbereitung der Verhandlungen ist ebenso wichtig wie die Verhandlungen selbst. Auf Arbeitgeberseite, so Wallisch, werde nichts dem Zufall überlassen. Von der Wahl der Lokation, über die Einbeziehung von Stakeholdern bis hin zum Durchspielen ggf. auch langfristiger Auswirkungen komplizierter Alternativszenarien werde jede Tarifverhandlung akribisch vorbereitet. Auf Arbeitnehmerseite bedeute Vorbereitung demgegenüber vielfach Aufholung des Informationsdefizits, stellte Welp fest. Konflikte der Betriebsparteien würden ganz überwiegend auf dem Verhandlungswege beigelegt. Einigungsstellenverfahren seien die Ausnahme. Mediation spiele als selbständiger Konfliktlösungsmechanismus hingegen keine Rolle, so die übereinstimmende Feststellung der Referenten. 

Am Freitagnachmittag und am Samstagmorgen fanden parallel jeweils sechs Workshops statt, die den Teilnehmern wieder Gelegenheit zur Vertiefung und Diskussion ausgewählter Themen und Fragestellungen gab. Die Workshops fanden großen Anklang und das Feedback machte deutlich, dass die Ausdehnung der Workshop-Zeiten von den Teilnehmern begrüßt wurde.

Am ersten Kongresstag schloss das Fachprogramm mit einem ebenso kenntnisreichen wie anschaulichen Vortrag „Erfolgsrezepte für dauerhafte Konfliktlösungen mit Arbeitnehmervertretern“ von Christoph Burgmer, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Wirtschaftsmediator in Düsseldorf.  Burgmer war dankenswerterweise kurzfristig für die erkranke Prof. Dr. Däubler-Gmelin eingesprungen und erwies sich als Glücksfall. Er identifizierte und illustrierte die seiner Meinung nach häufigsten Konfliktgründe zwischen Arbeitnehmervertretern und Geschäftsleitung und lieferte zugleich praxistaugliche „Therapievorschläge“. Insbesondere werde regelmäßig zu wenig in Textarbeit im Allgemeinen sowie klar definierte Konfliktlösungsmechanismen im Besonderen investiert, so Burgmer.

Der zweite Kongresstag startete mit einem Feuerwerk der Erkenntnisse aus der empirischen Psychologie. Prof. Dr. Peter Fischer, Organisations- und Wirtschaftspsychologe, Universität Regensburg, fesselte und begeisterte die Zuhörer mit seinem Vortrag „Misstrauen der Betriebspartien überwinden“. Aus einem scheinbar unerschöpflichen Fundus an Erkenntnissen aus evidenzbasierter Forschung lieferte er hilfreiches Hintergrundwissen über psychologische Zusammenhänge.

Last, but not least referierte Dr. Susanna Lukas, Vors. Richterin am Hessischen Landesarbeitsgericht und Mediatorin, über die - durchweg positiven - Erfahrungen mit dem Güterichterverfahren am Hessischen Landesarbeitsgericht, in dessen Rahmen viele Mediationen durchgeführt werden. Das Güterichterverfahren sei, so Lukas, allerdings nicht für die Masse arbeitsgerichtlicher Streitigkeiten gedacht, sondern für komplexe und emotional aufgeladene Streitigkeiten. Die Frage nach der für den jeweiligen Prozessstand probaten Streitbeilegungsmethode hält Lukas für weniger sinnvoll - ob im Gütetermin, im Kammertermin oder im Güterichterverfahren, es sei jeweils die Konfliktbeilegungsmethode zu wählen, die den Parteien am besten diene.

Langjähriger Tradition entsprechend fand am Abend des ersten Kongresstages im Rahmen eines Get Together die Verleihung der diesjährigen Mediations-Preise der Centrale für Mediation statt. Der Innenhof des Spenerhauses am Dominikanerkloster bot dafür die ideale atmosphärische Kulisse. Stifter und Initiator der seit 2000 regelmäßig von der Centrale für Mediation verliehenen Preise ist die Stiftung Apfelbaum – Partner für ZusammenWachsen von LebensWelten.

Einen Rückblick in Bildern finden Sie in Kürze auf unserer Kongress-Website.

Ausführlich werden die Kongressthemen demnächst in der ZKM nachzulesen sein.

Verlag Dr. Otto Schmidt vom 14.06.2016 17:08
Quelle: Redaktion Centrale für Mediation

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