„Soziologie der Mediation“ – Tagungsbericht

Die Tagung „Soziologie der Mediation“ des Zentrums für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld stellte dem durch Selbstbeschreibung bestimmten Diskurs über Mediation soziologische Sichtweisen gegenüber.

Ende September 2014 veranstalteten Alfons Bora, Justus Heck (Fakultät für Soziologie) und Fritz Jost (Fakultät für Rechtswissenschaft) die Tagung „Soziologie der Mediation“ im Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld.

Zu Beginn zeichnete Prof. Dr. Kai-Olaf Maiwald, Universität Osnabrück, die Professionalisierung der Mediation von einer justizkritischen Bewegung hin zu verbandlicher Organisation und standardisierten Ausbildungen nach. Zwar erfordere der Problembezug der Mediation eine „Akademisierung“ des Wissens, denn es sei schwierig zu intervenieren und zugleich die Autonomie der Partei zu erhalten. Diese Professionalisierung jedoch führe in der Praxis zu einer Entfernung von alltagsweltlichen Problemverständnissen und gewähre keine Jobgarantie für ausgebildete Mediatoren.


Dass nicht alles einem soziologischen Begriff von Mediation entspricht, was unter dieser Flagge segelt, darauf machte Dr. Peter Münte, Universität Bielefeld, basierend auf eigenen empirischen Studien von Verfahren der Bürgerbeteiligung aufmerksam. Außerdem kritisierte Münte das Konzept des „Konfliktmanagements“, welches den Ausgangskonflikt ohne Rücksicht auf die Interessen der Parteien in reine Sach- und Expertenfragen transformiere.


In zeitdiagnostischer Perspektive analysierte Prof. Dr. Ulrich Bröckling, Universität Freiburg, Ratgeber der Mediationsforschung. Hierbei zählte er typische Merkmale auf, die der „Rationalität“ der Mediation zugeschrieben werden. Als „Technologie“ bezeichnet Bröckling die Prinzipien des Harvard-Konzepts, die sich schwer kritisieren ließen, weil sie z.B. eine Interessenverwirklichung in Aussicht stellten. Schließlich weist er auf die subjektivierende Wirkung hin, die von der Aussicht auf einen Vertragsabschluss ausgehe.


In Kompromissen und Vergleichen kommt laut Prof. Dr. André Kieserling, Universität Bielefeld, ein „moderner Partikularismus“ zum Tragen. Der Referent prägte zudem den Begriff der „mediatisierten Mediation“, um Fälle zu bezeichnen, in denen z.B. die Anwälte beider Seiten den Konflikt aus Kenntnis des richterlichen Urteilsverhaltens nicht bis zur Entscheidung führen, sondern vorher einer Verhandlung oder einer Mediation den Vorzug geben.


Privatdozent Dr. Kay Junge, Universität Konstanz, untersuchte, wie verschiedene Formen der Konfliktbearbeitung das Problem der Verhaltenskoordination lösen. Der Mediation schreibt Junge diesbezüglich eine beglaubigende Wirkung auf Kommunikation zu. Überdies bemerkte der Referent kritisch, dass Mediation Züge sowjetischer Selbstkritik trage, Mediatoren sich nicht über den Einzelfall hinaus binden und dass Einigungen Klagebereitschaft abkaufen würden.


Prof. Dr. Heinz Messmer, Fachhochschule Nordwestschweiz, beschäftige sich aus konversationsanalytischer Sicht mit dem Täter-Opfer-Ausgleich und zeigte, dass hier der auch als Mediator bezeichnete Dritte vor allem die konkurrierende Konfliktversion, die abweichenden Normauslegungen, die unterschiedliche Tatfolgenbewertung und die negative Charakterisierung der gegnerischen Partei seitens des Täters zu zerstreuen versucht.


Zur Dezentrierung des Mediationsbegriffs unterschied Justus Heck, Universität Bielefeld, drei Formen von Vermittlungen im Streit durch neutrale Dritte: die situativ-okkasionelle, die jedermann zufällig zum Vermittler machen kann, eine latent-wiederholte, die vor allem in Berufsrollen anfällt, und die professionelle Mediation. Neben der Einführung eines interaktionssoziologischen Analysevokabulars beleuchtete der Referent, wie der Vermittler Konfliktstufen bewusst oder unbewusst blockiert.


Der Historiker Prof. Dr. Hermann Kamp, Universität Paderborn, identifizierte zur Eröffnung der Abschlussdiskussion drei interdisziplinäre Forschungsdesiderata: Mediation bilde eine spezifische Kommunikationsform, die im Mittelalter aufgekommen, dort aber nicht wohl definiert sei. Schließlich seien die Wirkung von Vermittlung auf Machtverhältnisse und der Zusammenhang von Vermittlung und Staatlichkeit zu untersuchen.

Die Vorträge werden in einem Themenheft der Zeitschrift für Rechtssoziologie (2016, Heft 1) publiziert werden.

Verlag Dr. Otto Schmidt vom 01.04.2015 10:05
Quelle: Mitteilung Justus Heck, Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld

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