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Rückblick CfM- Mediations-Kongress 2014

Am 27. und 28. Juni trafen sich in Berlin Wissenschaftler und Praktiker auf dem 16. Mediations-Kongress der Centrale für Mediation. Der Kongress stand diesmal unter dem Motto "ADR im Aufbruch - Vielfalt der Methoden und Anwendungsfelder" und wurde zusammen mit den Kooperationspartnern Berliner Bündnis Außergerichtliche Streitbeilegung, Bundesrechtsanwaltskammer, IHK Berlin und Rechtsanwaltskammer Berlin veranstaltet.

Den Auftakt der Veranstaltung machte Tagungsleiter Prof. Dr. Reinhard Greger, Universität Erlangen-Nürnberg, mit seinem anschaulichen Eröffnungsvortrag "Für jeden Streit das richtige Verfahren". Bei der außergerichtlichen Konfliktbehandlung ist laut Greger Mediation ein wichtiges, aber eben nur ein Instrument unter vielen. Die Vielfältigkeit der Konflikte erfordere auch im Hinblick auf den Willen der Konfliktparteien ein qualifiziertes und differenziertes Vorgehen bei der Wahl der Konfliktlösungsinstrumente. Greger präsentierte konkrete unterschiedliche ADR-Modelle mit den passenden Lösungshilfen. Seiner Auffassung nach kann ADR sich gesellschaftlich nur dann weiter durchsetzen, wenn es gelingt, die Vielfältigkeit der außergerichtlichen Konfliktlösungen auch deutlich zu machen. Der Kongress fokussiere daher die unterschiedlichen Erscheinungsformen von ADR, deren Besonderheiten sowie Variations- und Kombinationsmöglichkeiten.

Es folgte ein Einführungsvortrag von Dr. Anke Sessler, ehemals Chief Counsel Litigation bei der Siemens AG, die zu den Erwartungen der Wirtschaft an ein Konfliktmanagement sprach. Die Referentin schilderte, dass Unternehmen an schnellen und kostengünstigen Lösungen von Konflikten interessiert seien, aber bislang noch wenig bereit seien, ADR-Verfahren zur Konfliktlösung einzusetzen. Allenfalls die Schiedsgerichtsbarkeit sei in der Wirtschaft etabliert. Sessler forderte zur Etablierung von ADR-Verfahren in der Wirtschaft eine umfangreiche Informationspolitik.

Dr. Doris Kloster-Harz, Rechtsanwältin für Familienrecht, zeigte in ihrem Einführungsvortrag "Die Vielgestaltigkeit innerfamiliärer Konflikte - Lösungsansätze für die Praxis" interessante außergerichtliche Lösungsansätze für die Praxis bei innerfamiliären Konflikten. Die erfahrene Familienrechtlerin und Mediatorin stellte aber auch klar, dass es für bestimmte Konflikte, wie etwa eine Scheidung oder ein Sorgerechtsstreit, nur eine gerichtliche Lösung geben könne.

Der Berliner Rechtsanwalt und Mediator Michael Plassmann machte in seinem Einführungsvortrag die Herausforderungen für die Anwaltschaft im Hinblick auf ein differenziertes Konfliktmanagement auf dem Markt der Rechtsdienstleistungen sichtbar. Plassmann empfahl den Anwälten zukünftig weniger als Streithelfer und mehr als Konfliktmanager zu agieren. Mandanten erwarteten vom Anwalt nicht nur Prozessvertretung, sondern ein differenziertes Konfliktmanagement. Aus diesem Grund gehöre die Beratung über konsensuale Verfahren zum Leistungsspektrum eines jeden Anwalts. Gutes differenziertes Konfliktmanagement führe letztlich zu hoher Mandantenzufriedenheit und damit zur Mandantenbindung.

Es folgte der diesjährige Sokrates-Preisträger Prof. Dr. Dr. Friedrich Glasl, österreichischer Mediator und Unternehmensberater, der unterhaltsam zur Methodenkompetenz und Methodenoffenheit in der Mediation referierte. Glasl veranschaulichte anhand seines Neun-Stufen-Modells der Konflikteskalation, dass Konflikteskalation und Selbstheilungspotenzial in einer Wechselwirkung zueinander stehen. Jeder Mensch habe ein soziales Immunsystem und dieses Selbstheilungspotenzial werde je nach Eskalationsgrad stark in Mitleidenschaft gezogen. Je höher der Eskalationsgrad des Konflikts sei, desto weniger Kraft habe das soziale Immunsystem. Hierauf müsse der passende Ansatz im außergerichtlichen Verfahren gefunden werden.

Schließlich führte Prof. Dr. Peter Fischer, Universität Regensburg, die Teilnehmer mit seinem übergreifenden Vortrag in die Psychologie des menschlichen Entscheidungsverhaltens ein, insbesondere unter dem Aspekt der Motivation von Konfliktbetroffenen für die alternativen Konfliktlösungen. Fischer belegte mit seinen Forschungsergebnissen, dass selektive Informationsverarbeitung den Konfliktlösungsprozess erschwert. Daher sei ein Mediator im Sinne einer nachhaltigen Konfliktlösung angehalten, für eine ausgewogene und strukturierte Informationsverarbeitung bei den Konfliktparteien zu sorgen. 

Die Einführungsvorträge gaben insgesamt wertvolle Impulse für die spätere Arbeit in den Diskussionsforen.

Beim entspannten Get-together am Abend war für alle Teilnehmer ausreichende Gelegenheit zum Fachaustausch und Networken. Das Highlight des Abend war die Verleihung der Mediationspreise 2014. Der Sokrates-Preis für Mediation ging in diesem Jahr an den österreichischen Unternehmensberater und Mediator Prof. Dr. Dr. Friedrich Glasl, der für sein Lebenswerk geehrt wurde. Laudator Prof. Dr. Lars Kirchhoff begründete die Wahl Glasls mit seinen herausragenden Leistungen in Lehre, Wissenschaft und Praxis. Mit seinem Standardwerk "Konfliktmanagement" und seinem "Eskalationsstufenmodell" habe er für die Konfliktforschung ein bedeutendes Fundament geschaffen. Studenten brächten seinen Namen meist automatisch mit der Konfliktanalyse in Verbindung. In der Praxis stehe Glasl als Mediator für eine systematische Konfliktanalyse. Kurzum: Ohne Glasl wäre die Mediation nicht das, was sie heute ist.

Mit dem Mediations-Wissenschafts-Preis wurden in diesem Jahr gleich zwei Preisträger geehrt. Laudator und Jury-Mitglied Dr. Andreas Hacke lobte den "empirischen Kraftakt" von Dr. Kai Monheim für seine Doktorarbeit "The 'power of process': the impact of process management on multilateral negotiations". Monheim untersucht in seiner Arbeit den Einfluss der Gestaltung von Verhandlungsprozessen auf die Wahrscheinlichkeit einer Einigung in den Verhandlungen - unter anderem anhand von über 60 Interviews mit Teilnehmern des UN-Klimagipfels Kopenhagen 2009, des WTO-Gipfels in Seattle 1999 und des UN-Gipfels zu Biologischer Sicherheit Cartagena 1999. Der zweite Wissenschaftspreis ging an Dr. Felix Wendenburg, der für seine Dissertation "Schutz der schwächeren Partei in der Mediation" ausgezeichnet wurde. Die Arbeit untersucht erstmalig systematisch die strukturell ungleich gewichtete Verhandlungsmacht der Konfliktparteien. Der ebenfalls von der Centrale für Mediation ausgelobte Förderpreis ging in diesem Jahr an die Stuttgarterin Andrea Hartmann-Piraudeau.

Am zweiten Kongresstag wurde in acht Diskussionsforen zu unterschiedlichen Konfliktfeldern, u.a. "Innovative Konzepte für das Konfliktmanagement in Betrieben und Organisationen", "Neue Wege zur Beilegung von Verbraucherstreitigkeiten" oder "Effiziente Konfliktlösung im Mittelstand und für Familienunternehmen", mit erfahrenen Experten Konzepte für die passende Verfahrenswahl diskutiert. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen wurden im Anschluss in einer Plenardebatte fortgeführt und vertieft.

Das Schlussreferat hielt Staatssekretärin Dr. Stefanie Hubig, Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, zum Thema " Alternative Konfliktlösung/Aktuelle Entwicklungen in der Rechtspolitik". Sie betonte, dass die Politik im Bereich ADR auch zukünftig stark gefordert sei. Es stehe die Verabschiedung der Rechtsverordnung über die Ausbildung von Mediatoren, die Evaluation des Mediationsgesetzes und die Umsetzung der EU-Richtlinie zu ADR an.

Als nachhaltiges Ergebnis des CfM-Kongresses stellte Tagungsleiter Greger fest, dass sowohl die Vorträge als auch die Arbeitsergebnisse aus den Diskussionsforen zeigten, dass es für alternative Konfliktbeilegung breite Anwendungsfelder gebe. Eine differenzierte Konfliktberatung müsse nun vor allem von den Rechtsanwälten erfolgen. Aber auch anderen Stellen, etwa der Versicherungswirtschaft, den Steuerberatern, Beratungsstellen und Richtern, komme dabei eine wichtige Bedeutung zu.

Ausführlich werden die Kongressthemen demnächst in der ZKM nachzulesen sein.

 

Verlag Dr. Otto Schmidt vom 11.08.2014 13:46
Quelle: Redaktion Centrale für Mediation

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